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Ballett für Blinde – musepaper: Portrait von Frau im Tanzraum
Foto: privat

„Mich treibt der Gedanke an, dass jeder tanzen kann und darin werde ich immer wieder bestätigt": Lea Elena Held im Interview

Blind sein und Ballett – bis auf den gleichen Anfangsbuchstaben scheinen diese beiden Dinge nichts miteinander zu tun zu haben. Doch warum tun wir uns eigentlich so schwer, Bewegung im Allgemeinen und körperliche Einschränkungen zusammenzubringen? Und mal ganz im Ernst, muss das überhaupt sein?

Behinderungen sind weitestgehend mit negativen Assoziationen behaftet. Menschen mit Beeinträchtigungen werden als „nicht normal“ wahrgenommen oder sogar diskriminiert. Aber gibt es nicht vielleicht oder sogar ganz bestimmt Dinge, die uns Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Einschränkungen in einigen Dingen voraushaben? Genau das haben wir uns gefragt und Lea, die Gründerin von Ballett für Blinde, zum Interview getroffen. Let’s go.

1. Liebe Lea, du hast Ballett für Blinde gegründet – wie kam es dazu? Wie bist du darauf gekommen?

Ich habe den Privatunterricht von einer blinden Schülerin übernommen, von einer Kollegin, die eigentlich gerne Unterricht nehmen wollte, aber die meisten Tanzschulen immer eine Art Respekt davor hatten, in den laufenden Unterricht eine blinde Schülerin aufzunehmen. Da habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich so viele Ideen habe.

Daraufhin habe ich das Ganze dann in den letzten vier Jahren entwickelt und ausgebaut und festgestellt, dass es das nirgendwo anders gibt. Ich habe dann angefangen, darüber aufmerksam zu machen. Wir haben auch einen Film gemacht, als gleichzeitig über die einzig existierende Ballettschule für Blinde in São Paolo berichtet wurde.

2. Hast du dir das Konzept komplett selbst ausgedacht? Oder ist es irgendwo drauf aufgebaut?

Ja, auf klassischem Ballettunterricht, nach dem Stil der RAD (Royal Academy of Dance) und der russischen Schule. Ich habe beides gelernt und dann einfach mal ausprobiert. Und ich war auch immer im Austausch mit SchülerInnen, was funktioniert und was nicht.

Ich hatte einfach super viele Ideen. Im Anschluss habe ich mir dann auch die Dokus und den Film über die Tanzschule in Brasilien angeschaut und gemerkt, ah ja, das mache ich auch so oder ne, das mache ich anders. Und habe daraufhin immer wieder überprüft und auch angepasst.

3. Was ist die größte Herausforderung, mit Sehbehinderten zu arbeiten?

Das die individuellen Bedürfnisse noch größer sind, als im Unterricht mit sehenden Menschen. Da kann man öfter über Dinge hinweggehen und sein Ding durchziehen. Wenn man mit Sehbeeinträchtigten arbeitet, bekommt man ständiges Feedback und muss noch flexibler sein.

4. Was magst du am liebsten am Unterrichten?

Mich treibt der Gedanke an, dass jeder tanzen kann und darin werde ich immer wieder bestätigt. Und, dass es nicht darum geht, wie hoch die Beine sind oder wie krass die eigentliche Technik ist, sondern, dass es einfach um die Bewegung geht. Wenn die TeilnehmerInnen einfach Lächeln, ist das total schön.

5. Du hast gesagt, man muss als lehrende Person sehr flexibel sein. Was nervt dich manchmal am Unterricht?

Das man kann sich nie mal kurz zurücklehnen und entspannen kann. Ich muss immer 100 % aufmerksam sein.

6. Ich habe deinen Workshop ja selbst begleitet und zum Teil auch mitgemacht. Wie können wir uns als sehende oder auch blinde Person eure Workshops vorstellen?

Das kommt immer ein wenig auf die jeweilige Dozentin an. In der Regel starte ich mit einem Warm-up, dass aus Improvisations-Elementen besteht und mit Hilfsmitteln arbeitet.

Heute haben wir zum Beispiel mit Tüchern gearbeitet oder nur mit Bildern, die ich in den Raum gebe. Ich versuche Balletttechnik erst einmal im Sitzen zu vermitteln und anschließend auch in den Raum zugehen, um erste Übungen an der Stange zu machen.

Und dann eben auch frei im Raum, aber aktiv mit taktiler Unterstützung.

Ballett für Blinde – musepaper: Portrait von Frau vor weißer Wand
Foto: privat

7. Wie vermittelt ihr denn das Wissen? Visuelles Lernen ist ja gar nicht bis kaum möglich.

Einmal über Berührungen, darüber, dass ich Bilder in den Raum gebe und auch über das aktive Nachspüren der TeilnehmerInnen.

8. Bei dir und deinem Team können Tanzschaffende zukünftig auch Weiterbildungen belegen. Hast du eine bestimmte Vision für dein Projekt?

Zum einen haben Tanzschaffende oft einen unnormal großen Respekt davor, mit sehbehinderten Menschen zu arbeiten und mir geht es darum, diese Ängste zu nehmen und zu zeigen, hey, das haben wir schon ausprobiert und damit gute Erfahrungen gemacht.

Aber auch dazu zu ermutigen, das eigene Wissen selbst weiterzugeben. Jede/r Tanzpädagoge/in hat ja seinen/ihren eigenen Stil.

9. Was können wir von sehbehinderten Menschen, insbesondere TänzerInnen, lernen?

Ganz simpel gesagt, dass sehende TänzerInnen merken, dass sie sich nicht immer im Spiegel überprüfen müssen und das Spiegelbild eigentlich gar nicht so wichtig ist. Sondern es mehr um das Hineinspüren in den eigenen Körper geht. Ich würde behaupten, dass viele TänzerInnen nur kopieren.

Mein Ansatz ist eher weiterzudenken und zu verstehen, was man da tut. Ich glaube, dann ist das Tanzerlebnis viel ganzheitlicher.

Vielfalt, Diversität, Inklusion. Dazu gehört es nicht nur Menschen jeder Hautfarbe, jeder Körperform und jedes Geschlechts zu integrieren, sondern auch Personen, TänzerInnen und SportlerInnen mit Behinderung. Denn Ihre Behinderung unterscheidet sie vielleicht von vielen, macht sie aber gleichzeitig auf so viele Art und Weisen auch besonders.

Wenn ihr euch für das Projekt von Lea interessiert, könnt ihr euch auf der Website von Ballett für Blinde und auf dem Instagram Channel informieren. Hier findet ihr auch alle anstehenden Termine und News. Zusätzlich findet ihr überall da, wo es Podcasts gibt, den dazugehörigen Ballett für Blinde Podcast mit spannenden Interviews, kleinen Anleitungen und Insights aus der Tanzwelt. Danke, Lea. Keep going!

xx, Kimberley

Kimberley
Kimberley

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