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Foto: DancersRehab

„Grundsätzlich gilt: fordern, aber nicht überfordern. Damit tust du deinem Körper und Mindset einen großen Gefallen.“: Tabea Jung von Dancers Rehab im Interview.

5, 6, 7 – crack! Ob Pro oder Freizeittänzer:in, eine Verletzung haben wir uns oft schneller eingehandelt, als uns lieb ist. Dabei sind oft wir selbst daran schuld, dass die Muskulatur reißt oder Bänder ein Trauma erleiden und nicht immer das gemeingefährliche, miese Schicksal.

Also, wie sagen wir unserem persönlichen „Final Destination“ Szenario im Tanzsaal jetzt nun den Kampf an? Eigentlich ganz einfach, und zwar mit intelligentem Training und cleverer Prävention. Wir haben Tabea Jung von ,DancersRehab’ dazu befragt.

Liebe Tabea, schön, dass du dir Zeit für uns nimmst. Du bist ausgebildete Bühnentänzerin, Tanzpädagogin und Choreografin, studierte Fitnessökonomin, Yogalehrerin und nun auch studierte Sporttherapeutin mit dem Schwerpunkt auf TänzerInnen – woher kommt diese Begeisterung und warum hast du dich für die „medizinische Seite“ entschieden?

„Ich fing mit 16 Jahren an zu tanzen, war vorher 10 Jahre Leistungsturnerin und habe daher schon immer einen ausgeprägten Bewegungsdrang. Als ich nach dem Abitur meiner Mutter ständig Tanzvideos zeigte, meinte sie irgendwann ich solle doch einfach was mit dem Tanzen machen. So kam ich zu meiner Tanzausbildung (NYCDS, PDA in Stuttgart).

Danach habe ich Fitnessökonomie in einem Gesundheitszentrum mit angehängter Physiotherapiepraxis studiert. Daher kommt meine Begeisterung für orthopädische Beschwerden und wie „einfach“ wir mit dem richtigen Training solche Beschwerden beseitigen können. In den Jahren nach dem Studium habe ich mich meiner Tanzkarriere gewidmet, bis 2020 die Pandemie kam und das Thema auf Eis gelegt hat.“

Durch einen lustigen Zufall konnte ich einer befreundeten Tänzerin in dieser Zeit bei ihren Beschwerden helfen. Und wie es in der Szene so läuft, wurde ich von ihr weiterempfohlen, da es bis dahin kaum jemanden gab, der die Anforderungen an das (kommerzielle) Tanzleben kennt, versteht und sie zusätzlich therapieren kann.

Im Sommer 2020 erhielt mein Babyprojekt ‚DancersRehab‘ seinen Namen und mittlerweile bin ich als Sporttherapeutin bei der Show „Cavalluna“ auf Europatour. Dies nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, gibt mir allerdings auch die Möglichkeit noch Tanzjobs anzunehmen, falls sie in meinen Kalender passen.“

Was fasziniert dich am Körper am meisten?

„Was mich am meisten fasziniert, passt, glaube ich, nicht in ein Magazin! Worauf ich mich aber nicht ohne Grund spezialisiert habe, ist das bemerkenswerte Muskel-Skelett-System. Ein erwachsener Mensch hat 650 Muskeln, ca. 200 Knochen und über 100 Gelenke. Sie ermöglichen uns in Kombination mit dem ebenso faszinierenden Gehör die wunderschöne Vielfalt der Tanzbewegungen.

Was mich immer wieder catcht, ist das selbstheilende Potenzial der Muskulatur. Eine starke, ausgeglichene und fitte Muskulatur kann degenerierte (verschlissene) Gelenke unterstützen, sodass trotz akuter Verletzung keine Operation notwendig wird (Bsp: Bandscheibenvorfall).“ 

„Während meinem Studium zur Fitnessökonomin wurden in meinem Ausbildungsbetrieb von der Krankenkasse bezuschusste Präventionskurse angeboten. Ich bin also mit Präventionsmaßnahmen „groß geworden“. Der Sinn dahinter liegt darin, dass enorm viele Beschwerden und Schmerzen einfach damit verhindert werden können, dass man sich lieber etwas früher als später darum kümmert, seinen (noch) gesunden Körper zu pflegen.

Dies gilt übrigens nicht nur für orthopädische oder internistische Beschwerden, sondern auch für Vorsorgeuntersuchungen beim Hautarzt, Frauenarzt oder Zahnarzt. Am liebsten gefällt mir hierbei das Zitat „Ein gesunder Mensch hat 1000 Wünsche. Ein kranker Mensch nur einen – und zwar gesund zu sein“. Man versteht ihn meist erst dann, wenn man selbst die eigene Gesundheit vermisst.“

Ich würde behaupten, dass es dir wichtig ist, viel präventiv zu arbeiten, um die Entstehung von Verletzungen direkt zu verhindern. Wie bist du zu dieser Einstellung gekommen?

„Während meinem Studium zur Fitnessökonomin wurden in meinem Ausbildungsbetrieb von der Krankenkasse bezuschusste Präventionskurse angeboten. Ich bin also mit Präventionsmaßnahmen „groß geworden“. Der Sinn dahinter liegt darin, dass enorm viele Beschwerden und Schmerzen einfach damit verhindert werden können, dass man sich lieber etwas früher als später darum kümmert, seinen (noch) gesunden Körper zu pflegen.

Dies gilt übrigens nicht nur für orthopädische oder internistische Beschwerden, sondern auch für Vorsorgeuntersuchungen beim Hautarzt, Frauenarzt oder Zahnarzt. Am liebsten gefällt mir hierbei das Zitat „Ein gesunder Mensch hat 1000 Wünsche. Ein kranker Mensch nur einen – und zwar gesund zu sein“. Man versteht ihn meist erst dann, wenn man selbst die eigene Gesundheit vermisst.“

Was würdest du sagen, sind die häufigsten Fehler, die dir bei deinen Patient:innen begegnen? (z.B. Forcierung von Turnout, ungesundes Arbeiten, über die eigenen Fähigkeiten hinaus.) Unterscheiden sich hier die Profis vom Privatbereich?

„In meinen Terminen mit den Nachwuchstanzenden Deutschlands sehe ich häufig die folgenden problematischen Denkweisen: Ich dachte… „ich brauche kein Warmup“, „meine Verletzung ist bestimmt schon wieder weg“, „ich nehme ab, wenn ich einfach nichts esse.“, „ich muss so lange durchbeißen, bis ich es kann“.

Die Beispiele, die du in deiner Frage nennst, treffen zu 100% zu. Ich höre in den meisten Erstgesprächen mindestens einen dieser Sätze. Bei Perfektionismus und Leistungsdruck entsteht oft ein schmaler Grat von gesundem zu ungesundem Verhalten. Leider werden Schüler:innen heutzutage sehr selten von ihren Lehrer:innen und Dozent:innen in die richtige Richtung gestupst.

Wann ist es okay oder sogar wichtig, eine Pause zu machen? Was esse ich als Sportler:in, wie viel muss ich trinken? Wie wärme ich mich richtig auf? Wann bin ich überhaupt „warm“? Natürlich gibt es solche und solche Beispiele! Ich befasse mich aber ja in der Regel mit verletzten Tanzenden und da sind die oben genannten Beispiele leider an der Tagesordnung.

Man kann nicht sagen, dass Profitänzer:innen hinsichtlich meiner Beispiele alles richtig machen oder weniger Fehler machen. Sie gehen aber (häufiger) verantwortungsvoll mit ihrem Körper um, da sie ihn ja schließlich zum Geld verdienen brauchen. Natürlich können Hobbyschüler:innen auch ein „professionelles Mindset“ haben. Genau so gibt es Profitänzer:innen, die leider nach wie vor mit schlechtem Beispiel vorangehen.“

‚DancersRehab’ und ,DancersPrehab’ sind zwei unterschiedliche Projekte/Brands von dir. Wie unterscheiden sich beide und was ist die Idee dahinter?

„ ‚DancersRehab‘ spricht, wie es der Name schon andeutet, die Rehabilitation von Tänzer:innen an, die eine Verletzung erlitten haben oder an chronischen Schmerzen leiden und ein Rehabilitationsprogramm benötigen. Die Nachbereitung einer Verletzung, die zum Wiedereinstieg ins Tanztraining benötigt wird.

Der Ursprungsgedanke war der, dass es so viele verletzte Tanzende gibt, aber wenige Therapeut:innen, die wirklich wissen, welcher Tanzstil was genau beinhaltet und welche Bedürfnisse Tänzer:innen haben.

,DancersPrehab’ ist eine Kooperation zwischen mir und der (u.A.) Sport-Physiotherapeutin Britta Wittmann, die ebenfalls in Köln lebt und auf Tänzer:innen spezialisiert ist. Das Ziel unserer Kooperation liegt darin, Tanzende nicht nur dann zu behandeln, wenn sie bereits verletzt sind.

Wir gehen einen Schritt weiter und wollen, dass Tänzer:innen behandelt werden wie andere Leistungssportler auch. Wir bieten mit ,DancersPrehab’ ein sogenanntes Performance Risk Management an, in dem wir sie auf Jobs vorbereiten, sie während ihren Jobs Backstage begleiten und im Nachgang bei der Regeneration helfen.

Da dies ein sehr umfangreiches Vorhaben ist, haben wir uns als Team zusammengetan und betreuen Tänzer:innen gerne gemeinsam.“

Hast du einen super Geheimtipp oder eine Art Wertvorstellung, den/die wir als Tänzer:innen berücksichtigen können, um langfristig gesund trainieren zu können?

„Grundsätzlich gilt: fordern, aber nicht überfordern. Damit tust du deinem Körper und Mindset einen großen Gefallen. „Get out of your comfort zone“ ist ein toller Slogan, provoziert aber häufig einen starken Leistungsdruck.

Außerdem empfehle ich von Herzen, dass jeder für sich selbst entscheidet, auf das eigene Bauchgefühl zuhören und in die Classes geht, in der er/sie sich wohlfühlt. Don’t believe the hype! Nur weil ein Tanzstil im Trend liegt, muss es nicht heißen, dass es für ALLE Tänzer:innen da draußen das Richtige ist.

Außerdem ist es sinnvoll, ab einem gewissen Trainingspensum selber zu recherchieren, was der eigene Körper benötigt. (Support durch Physiotherapie und mentales Coaching, Fitnesstraining, Ernährung, Pausenzeiten, usw.)“

Hast du 3 favorite Übungen, auf die du bei deinen Patient:innen oder auch dir selbst nie verzichtest?

„Jeder Tänzer und jede Tänzerin hat unterschiedliche Bedürfnisse, sodass ich mich schwer damit tue DIE Top 3 Übungen festzulegen. Stattdessen verweise ich gerne auf drei Themengebiete, die im durchschnittlichen Tanztraining nicht genügend Aufmerksamkeit erhalten:

Beweglichkeitstraining (Mobility), „Stabitraining“ (Stabilisation der Gelenke) und Mindset Coaching. Meiner Meinung nach würde jeder Tänzer und jede Tänzerin davon profitieren in diesen drei Bereichen so gut trainiert zu sein wie im Hip Hop, Jazz und Co.“

Kleinere und größere Verletzungen kommen im Laufe einer Karriere fast so sicher auf uns zu, wie das Amen in der Kirche. Jedoch liegt es an uns, das Risiko zu verringern und im Worst Case mit Ruhe und Bedacht das Ganze auszukurieren. Wenn auch ihr mal mit Tabea arbeiten wollt, schickt eine Mail an tabea.jung@gmx.de oder über meldet euch per Direktnachricht über Instagram @dancers_rehab.

Aktuell ist Tabea bis Juni mit Cavalluna auf Tour und Coachings sind ausschließlich online buchbar. Die Termine werden via Zoom dienstags bis donnerstags angeboten. Nicht vergessen:
Schildert grob euer Problem und die gängigen Infos wie Name, Alter, Stadt und Tanzstil. Übrigens: Auch Nicht-Tänzer:innen können Appointments bei ihr buchen.

xx, Kimberley

Kimberley
Kimberley

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